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Crusoe

Freitag, 14. November, 2008

Eigentlich wundert es mich ja ein wenig, dass es dann doch so lange dauerte, bis ein Network auf den „Pirates of the Caribbean“-Zug aufsprang. Jetzt ist es fast schon zu spät, denn die Film-Trilogie ist längst Kinonews von gestern — stattdessen jetzt sind wieder Super-Helden in allen Farbschattierungen gefragt.

Dennoch hat sich NBC mit „Crusoe“ seit langer Zeit mal wieder mit einer Primetime-Serie in die Zeit der Piraten und Seefahrer gewagt. Wie der Titel der Serie schon nahelegt, basiert „Crusoe“ auf dem fast 300 Jahre alten Roman von Daniel Defoe, in dem er die halb-fiktive Geschichte von „Robinson Crusoe“ erzählte. Crusoe strandete im 17. Jahrhundert auf einer einsamen Karibikinsel und schließt schließlich mit einem Ureinwohner Freundschaft, den er „Freitag“ nennt. Ich denke (und hoffe) mal, dass so ziemlich alle, die irgendwann mal im Alter zwischen sechs und zwölf Jahren in einer Bibliothek waren, diese Geschichte kennen.

Viel sensationell neues wird man also als Zuschauer wohl nicht von dieser NBC-Fassung erwarten dürfen. Schließlich kennt man ja schon die Grundelemente der Story. Genau da setzen aber auch die Macher von „Crusoe“ an und setzen geschickterweise ein bestimmtes Vorwissen beim Zuschauer voraus. Sie beginnen in der Pilotepisode nicht mit Crusoes Ankunft auf der Insel, sondern starten etwa ein Jahr nach dem Untergang seines Schiffes in die Handlung der Serie. Robinson (Philip Winchester) hat sich somit längst auf der Insel arrangiert, eine gemütliche Unterkunft geschaffen, ist bereits befreundet mit Freitag (Tongai Arnold Chirisa) und gemeinsam bestehen die beiden viele Abenteuer. Freitag wird dabei als besonders hochintelligenter und vorwitziger Begleiter dargestellt — unpassende „Freitag-als-Sklave“-Interpretationen sind also nach Möglichkeit ausgemerzt.

„Crusoe“ ist wohl in erster Linie lockere TV-Unterhaltung für die ganze Familie, endlich mal etwas Abwechslung von den üblichen SciFi/Krimi/Krankenhaus-Serien. Piraten findet man nicht oft im TV und zumindest diesen Pluspunkt hat „Crusoe“ sicher. Aber jenseits der uneingeschränkten Familientauglichkeit ist das Konzept der Serie verflixt schnell ausgereizt. Eigentlich ist die Geschichte von „Robinson Crusoe“ die eines einsamen Mannes. Sowas macht sich aber im TV ganz schlecht — nur zwei Darsteller für eine Serie setzen jeder Produktion schnell enge logistische und inhaltliche Grenzen. Also muss man irgendwie andere Personen auf die Insel bringen, aber gleichzeitig darf sich natürlich für Robinson und Freitag erstmal keine ernste Fluchtmöglichkeit ergeben. Im Falle von „Crusoe“ löst man das eben so gut wie es geht ohne Rauchmonster und „Others“ aus der „Lost“-Trickkiste. Doch was dabei herauskommt, ist auch nur ein schlechter Kompromiss und nix Halbes und nix Ganzes.

Da versucht man sich einerseits mit Flashbacks aus der Sicht von Robinson zu behelfen: Er erinnert sich immer mal wieder an seine Familie daheim in England und Stück für Stück wird ein Puzzle zusammengefügt, das erklären soll, wie Crusoe überhaupt auf jenes untergegangenes Schiff kam. Sogar eine Intrige wird als Season-Arc-Mystery in die Flashbacks eingebaut — einziges Problem: Das ist einfach nur uninteressant und gähnend langweilig. Immer wenn Crusoe den Träumer-Blick bekommt und an diese „besseren“ Zeiten zurückdenkt, wird jeglicher Schwung aus der aktuellen Episode herausgenommen und der Zuschauer bekommt ein winzig kleines Puzzlestückchen präsentiert, mit dem er oftmals gar nix anfangen kann (weil die Zusammenhänge noch nicht klar sind) oder das keinerlei Bezug zur A-Handlung der Episode hat.

Der zweite „Trick“, um das Problem mit den Darsteller-Defizit zu lösen, ist dann im Grunde ein Rückgriff auf „deus ex machina“: Ständig legen irgendwelche weiteren Schiffe einen Zwischenstopp an der Insel ein und werden dann durch irgendwelche holprigen Story-Konstrukte erstens dazu gezwungen, einige Wochen vor Ort zu bleiben und zweitens irgendwie Robinson und Freitag keine Möglichkeit zur Flucht zu bieten.

Dazwischen werden immer mal wieder Stand-Alone-Episoden eingestreut, in denen Robinson und Freitag wirklich ganz alleine sind und irgendein Adventure-of-the-week oder Fluchthoffnung-of-the-week erkunden/lösen/beseitigen müssen. Die sind zwar auch oftmals flott und amüsant, aber mehr nicht.

Kurz: „Crusoe“ ist zwar ganz nettes Abenteuer- und Piraten-TV mit einem Touch MacGyver-Romantik, hat aber mit vielen prinzipbedingten Problemen zu kämpfen, die das Ganze bestenfalls für den Familien-Fernsehabend oder zum Nebenbei-Fernsehen erträglich machen.
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