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The Wire

Dienstag, 30. November, 2010
The Wire hasn’t won an Emmy?
It should get the Nobel Prize for Literature!

      — Joe Klein (TIME)

Viel wurde bereits geschrieben in den zurückliegenden Jahren über die HBO-Serie „The Wire“ und ich komme wohl reichlich spät zu dieser Party. Eigentlich ist es eine Schande, dass ich erst jetzt, mehr zwei Jahre nach dem Ende der Serie und in einem deutlich über den Zenit geschrittenen sablog, einen ersten ausführlichen Eintrag zu „The Wire“ verfasse.

Vielen von euch erzähle ich nichts neues, wenn ich kurz die Handlung der Show zusammenfasse. Ich werde es dennoch möglichst spoilerfrei halten. „The Wire“ porträtiert den alltäglichen Sisyphus-Kampf der Polizeikräfte in Baltimore gegen das weit verzweigte Drogenbusiness in den sozialen Spannungsvierteln der Metropole. Dabei wird ein düsteres und über weite Strecken geradezu deprimierendes aber gleichzeitig höchst faszinierendes und detailreiches Bild von der Stadt und ihren undurchdringbaren Machtstukturen gezeichnet. Korruption und Vetternwirtschaft bestimmen das Bild, zahlreiche vermeintliche Führungspersönlichkeiten im Police Department sind in zweifelhafte Machenschaften verstrickt. Individuelle Initiativen von engagierten Polizisten werden oftmals bestraft, allerorten schaut man nur auf die Kriminalstatistik und nimmt auch fragwürdige Aktionen in Kauf, um einfach irgendwie die Zahlen zu beschönigen und im nächsten Wahlkampf als Erfolg darstellen zu können.

Auf der anderen Seite wird ein beklemmender Einblick in den Alltag der Bevölkerung in den vom Drogenhandel am meisten betroffenen Bezirken in Baltimore gezeigt. Die Drogenkartelle bestimmen nicht nur das Geschehen in den heruntergekommenen Drogenhochburgen, sondern haben auch einflussreiche Beziehungen auf die politischen Elite der Stadt. Schon vom Kindesalter an wird eine Generation nach der anderen einzig für das Überleben auf der Straße erzogen, öffentliche Schulen in Baltimore haben in vielen Fällen längst kapituliert und sind auch nur noch bemüht, am Ende des Schuljahres irgendwelche Statistiken zu frisieren.

In diesen Dschungel aus persönlicher Vorteilnahme, Intim-Feindschaften und organisierter Kriminalität soll sich im Baltimore Police Department eine neue Sondereinheit auf die besonders schweren Kapitalverbrechen des Drogenrings der Drogen-Legende Avon Barksdale fokussieren. Doch schon von Beginn an leidet diese Truppe unter der Führung von Lt. Cedric Daniels unter personellen und finanziellen Engpässen, bürokratischen und juristischen Hürden sowie Inkompetenz und Unwillen einiger beteiligter Ermittler. Zudem führt Avon Barksdale eine hocheffiziente und auf Sicherheit getrimmte Organisation, welche die Ermittlungsarbeit extrem schwierig macht. Der einzige Angriffspunkt scheint eine Überwachung der Telefongewohnheiten des Drogenrings zu sein, doch die Beamten kämpfen oftmals mit stumpfen Waffen gegen die gut und schlau aufgestellten Kriminellen, die ohne zu zögern über Leichen gehen.

„The Wire“ malt dabei nicht nur ein einfaches prozedurales Schwarz/Weiß-Bild von „Gut“ und „Böse“ oder „Cops gegen Drogenbosse“. Eines der zentralen Philosophien der Serie ist die Erkenntnis, dass Menschen in der Regel nun mal nicht in solch ein einfaches Raster passen. Die vermeintlichen „Helden“ der Serie, die auf der Seite der Polizei oftmals aufopferungsvoll gegen die Kriminalität kämpfen und sich rasch beim Zuschauer Sympathien erstreiten, haben selbst eine schattenreiche Vergangenheit oder hadern mit ganz persönliche Dämonen in ihrem Berufs- oder Privatleben. Selbst wenn den Ermittlern nach langer, penibler Arbeit mal ein Schlag gegen den Drogensumpf gelingt, ist der Triumph oft nur von kurzer Dauer, der Pyrrhus-Sieg verpufft schon wieder nach kurzer Zeit. Die Drogenbosse wiederum (und auch die kleinen Rädchen im System auf der Straße) werden ebenfalls als vielschichtige Charaktere gezeichnet, mit eigenen Idealen, Träumen und Zielen. Auch bei ihnen gibt es zahlreiche „Grauabstufungen“ — viele hatten nie eine Wahl, als im Drogensumpf zu versinken, während andere ganz bewusst diesen Weg wählen.

Um die Authentizität der Geschichte zu erhöhen, schrecken die Autoren der Serie nicht davor zurück, zentrale und liebgewonnene Charaktere auf brutale Weise aus der Serie zu schreiben, selbst wenn sie eigentlich noch einen interessanten Weg vor sich hätten. Man kann sich nicht sicher sein, ob eine Hauptfigur die nächste Episode überleben wird – nur weil der Darsteller vermeintlich durch langfristige Verträge an die Produktion gebunden ist. Dabei sind alle Handlungen und Personen eng miteinander verknüpft — jede Handlung hat irgendwann eine Konsequenz, möglicherweise auch erst einige Jahre/Staffeln später. So belohnt die Serie ihre treuen Zuschauer auf besondere Weise: Es ist oftmals faszinierend darüber nachzudenken, welche Ereignisketten über den Lauf vieler Staffeln und unter Einbindung zahlreicher Charaktere erforderlich waren, um ein bestimmtes Ergebnis zu bewirken. So kommt es nicht von ungefähr, dass man nach dem Ende der Serie am liebsten wieder von vorne beginnen möchte, da man nun all die Zusammenhänge und Backstories kennt, die manchen Ereignissen und Lebensläufen in den frühen Staffeln eine neue Bedeutung verleihen.

„The Wire“ ist in jeglicher Hinsicht ein Gesamtkunstwerk, man kann einzelne Staffeln kaum getrennt voneinander betrachten. Dennoch ist eine Standard-Frage unter Wire-Fans die Frage nach der „besten“ Season. Mein Favorit ist wohl Season 4, gefolgt von 1, 5, 3 und schließlich 2. Die vierte Staffel mit ihrem Schwerpunkt auf den jungen Hoppers von Baltimore hat mich am meisten berührt, deren oftmals herzzerreißenden Lebensgeschichten haben mich am stärksten fasziniert. Season 1 wiederum legte erst den Grundstein für den Rest der Show und setzte damit aber auch schon einen hohen Standard. Season 5 zeigte (leider stellenweise etwas überhastet), wie alles miteinander verknüpft ist. Season 3 hatte großartige „Bösewichter“ mit Stinger und Omar, aber nachdem ich im DVD-Menu einmal aus Versehen die falsche Folge auswählte und somit die Reihenfolge durcheinanderbrachte, war der Rhythmus der Season für mich etwas dahin. Bei Season 2 schließlich stimme ich mit vielen anderen Fans überein, dass diese Staffel zwar eine großartige Geschichte erzählte, aber dennoch etwas aus dem Rahmen der restlichen Staffeln fiel und eigentlich erst in Season 5 quasi nachträglich enger in die Gesamthandlung eingebunden wurde.

Es gäbe noch so viel mehr zu der vielschichtigen Serie zu schreiben, man könnte wohl zu jeder einzelnen Episode ein langes Essay verfassen wie man es sonst vielleicht nur bei Inhaltsanalysen von Romanen und anderen Literaturerzeugnissen kennt. Ich kann hier bestenfalls an der Oberfläche kratzen, alternativ wird das ein „Too Long, Did Not Read“-Eintrag :). Als nachbereitende Lektüre zu jeder Episode kann ich aber die ausführlichen Besprechungen von Alan Sepinwall empfehlen.

Kommen wir zur vermeintlichen Gretchen-Frage: Ist „The Wire“ die beste Serie aller Zeiten?

Ich habe einige Zeit gebraucht, um ansatzweise zu verstehen, warum es mir so schwer fällt, diese Frage eindeutig mit einem „ja“ zu beantworten. „The Wire“ ist ohne jeglichen Zweifel ein atemberaubendes Dokument der Zeitgeschichte, die bisherige Krönung televisonärer Erzählkunst und ich rechne fest damit, dass es diesen Status noch in einigen Dekaden aufrecht erhalten wird. Doch „The Wire“ ist meilenweit von dem üblichen Verständnis einer „Fernsehserie“ entfernt. Der Begriff wirkt geradezu seltsam unpassend für „The Wire“, zu oft wurde der Begriff in den zurückliegenden Jahrzehnten durch minderwertige Produktionen mit negativen Assoziationen besetzt. Eigentlich würden diese 60 Stunden einen eigenen Gattungsterminus verdienen. Das Zitat zu Beginn des Eintrags (aus den Bonus-Materialien der finalen Staffel) kommt wirklich nicht von ungefähr: Statt einem Emmy (den die Serie nie erhalten hat) wäre vielleicht eher ein Literatur-Preis angebracht.

Als ich meinen „The Wire“-Marathon für einen komprimierten Ausflug in die vierte Auflage der „Mad Men“-Zeitreise unterbrach, wurde mir erneut bewusst, wie lächerlich derartige Kriterien wie „beste Irgendwas“ eigentlich im Bezug auf solche Produktionen sind. Beides sind Werke, die ich als absolute Highlights der TV-Kunst bezeichnen würde. Aber ist eine Serie „besser“? „Mad Men“ fasziniert mich auf einer vollkommen anderen Ebene als „The Wire“. Während ich „The Wire“ für seine gesellschaftspolitische Ernsthaftigkeit bewundere, sehe ich wiederum die stilistische Erzählweise von „Mad Men“ als außergewöhnlich an. Während „Mad Men“ trotz der komplex gestalteten Charakterprofile in erster Linie unterhalten will, sehe ich in „The Wire“ auch eine bemerkenswerten Willen zur Kritik der gesellschaftlichen Verhältnisse unserer Gegenwart, der mit einem eindrucksvollen Erzählstil kombiniert wird.

Fazit: All den Pessimisten, die generell alles aus dem TV mit Verdummung gleichsetzen (und weltweit leider in 95% aller Fälle vollkommen Recht haben), sei dieses monumentale Werk als kleine Insel der Hoffnung empfohlen. Produktionen wie „The Wire“ sind der Grund, warum es sich auch heutzutage noch lohnt, einen Flatscreen neben die Bücherregale an die Wand zu hängen und nicht aus Prinzip alles schlecht zu reden, was aus der Flimmerkiste kommt. Sie sind selten, aber es gibt sie.

Wer das DVD-Set immer noch nicht in der Sammlung hat, der hat jetzt zu „Cyber Monday“ und „Christmas-Shopping“-Zeiten öfters gute Gelegenheiten, ein Schnäppchen zu machen. Bei Amazon.co.uk gibt es das komplette Set wie wohl jedes Jahr um diese Zeit aktuell wieder für den Tiefstpreis von 49.99 Pfund, leider ist der Pfund-Wechselkurs zum Euro aber gegenwärtig etwas „suboptimal“.

F*ck it, f*ck them motherf*ckers!

Sonntag, 10. Oktober, 2010

Ich bin immer noch verschollen im „The Wire“-Land und muss zugeben, dass ich noch keine einzige neue Folge der neuen Herbst-Serien, ja nicht mal neue Episoden der „alten“ Produktionen gesehen habe. Von Entzugserscheinungen bisher überraschenderweise keine Spur, auch wenn ich nicht weiss, wie ich jemals das gigantische Backlog wettmachen soll. Ganz zu schweigen von den „thirtysomething“- und „Daria“-DVD-Sets, die sich im Regal stapeln. Dafür habe ich aber auch den „Vorteil“, keine Hoffnungen in frühe Opfer wie „Lone Star“ investiert zu haben.

Dennoch ist bei solchen Langzeit-Marathons wie meinen „The Wire“-Sessions schön zu beobachten, wie Serienkonsum sich verblüffend schnell auf Alltagsgewohnheiten auswirken kann. Ich muss mir zunehmend auf die Zunge beissen, um nicht öfters eine Variation des „F-Word“ zu äussern. Hatte mich „Battlestar Galactica“ vor einiger Zeit noch auf „Frak!“ umerzogen, schlägt nun das schlechte Vorbild „The Wire“ voll durch.

Dazu kommen weiterhin die sehr an der Umgangssprache orientierten Dialoge, die dem klassischen Schul-Englisch doch zuweilen recht aggressiv widersprechen. Nicht nur dass gerade der Slang aus den Hochburgen der vorwiegend schwarzen Drogendealern in Baltimore und den zuweilen untrainierten Amateur-Darstellern (wie beispielsweise die begeisterte Heimwerkerin Felicia „Snoop“ Pearson) mich öfters zum Untertitel-Button greifen lassen. Auch gerade die innige Liebe für die doppelte Verneinung, die kreative Auslegung von Konjugationsregeln oder der Vernichtungsfeldzug gegen das Wörtchen „those“ treiben meine Augenbraue so manches Mal in die Höhe. „He fought for them towers“, „When we was kids“, „He do not care“. Hoffentlich geht das nicht auch noch unterbewusst in meinen Englisch-Sprachgebrauch ein.

„The Wire“ ist also eher kein guter Kandidat für „Learning English with tv shows“-Postings. Da ich in nächster Zeit aber keinen TOEFL-Test oder ähnliches in meiner Agenda habe, soll mir das erst mal egal sein und greife frohlockend zur nächsten DVD.

Und weil’s so gut passt, (alle „Wire“-Fans ahnen sicher schon, was jetzt kommt) eine legendäre Oldie-Szene noch aus Season 1, not safe for work:

http://www.youtube.com/watch?v=KQbsnSVM1zM